Nachwort
– von Anna Kücking

Offenbar ist das Ich verloren gegangen. Zumindest schwebt es überwiegend unbegreiflich in der Luft zwischen den Seiten dieser Zeitschrift. Die Prosatexte, Gedichte und Kurzgeschichten; sie stoßen unterschiedliche eigenwillige Fragen an, grasen Gewissheiten ab und versieben mitunter (gewollt) die Orientierung. Vermutlich liegt es auch an dem Verlust stabiler Ichs, dass diese im besten Sinne trotzigen und hermetischen Schriftstücke sprachlich schwierig einzufangen sind. Dazu bräuchte es Assoziationen, ausufernde Deutungsversuche, spielerisches Geschick. Vor allem aber sehr viel Platz.

Gut, dass ich ein konkretes Genre habe. Das Nachwort ist ein hübsches Label. Es gibt Leitfäden und feste Regeln. Unzählige Nachworte wurden bereits geschrieben. Sie kommen immer zuletzt. Wir wissen ja alle, was zum Schluss kommt.

Ich sage es lieber sofort, bevor ich Erwartungen nicht gerecht werden kann: Ich habe noch nie ein Nachwort geschrieben. Das Beste zum Schluss bin ich in Gesprächssituationen mit monologisierenden Familienmitgliedern, wenn alle anderen schon nicht mehr zuhören oder kurz vor knapp weggelaufen sind, da bleibe ich einfach sitzen und nicke bis es vorbei ist.

Das Genre Nachwort ist mir neu, also mache ich mich auf die Suche, wie man das so macht: gehe ins Internet, blättere in Sammelbänden, gucke in Fachzeitschriften und stoße tatsächlich auf eine wunderbare Textpassage in einer alten Anthologie:

"Diese Anthologie ist weder repräsentativ für die Strömungen in der Lyrik unseres Jahrhunderts, noch ist sie ein Korrektiv zu anderen Anthologien. Sie enthält nur ‚gute‘ Lyrik; ‚schlechte‘ Lyrik fand keine Berücksichtigung. Mit anderen Worten: Autoren, deren Namen in dieser Anthologie nicht auftauchen, sind ‚schlechte‘ Autoren. Was ‚gute‘ und ‚schlechte‘ Lyrik und Autor*innen sind, bestimmt diese Anthologie." (Axel Marquardt (Hg.): 100 Jahre Lyrik! Deutsche Gedichte aus zehn Jahrzehnten. Zürich 1992, 595)

Wenn ich diese stolz strotzende Ansage lese, wünsche ich mir kurz genauso viel Pfiff und genauso viel Ego. Dieses Zitat stammt aus einem Mund, der das Ich in sich trägt wie Karies. Ich finde es so herrlich eitel, ich muss es erwähnen. Was dieses Nachwort sein und ausdrücken will, werde ich weglassen. Kein Ich für das Nachwort. Zurück zu den Texten.

Sie alle zeichnen verriegelte und offene Architekturen von Ich, Selbst und Etwas nach. Sie umkreisen betrunkene Zwerge, Südseedrogen, Meereswelten, Hitze, verletzte Tänzer, Krawatten, Kühe, Raupen und Krücken. Sie haben viel gesehen und anderes vergessen. Kultur scheint von Krieg zu leben, wurde verkauft, von einsamen Menschen angereichert oder aufgezwungen. Kein Text kommt ohne definiertes Draußen aus. Wenige sind glücklich darüber. Da liegt die Flucht in die Natur nahe, im Waldboden lauern keine Wallstreet-Haie. Vielleicht kann das Vokabular der Natur noch fassen, was von den scheinbaren Gewissheiten der Gegenwart verschüttet wurde.

Die Sprache läuft aus dem Ruder, dehnt sich wie zerlaufender Teig über ihre Grenzen hinaus. Ohne die Zwänge der damaligen Welt vergessen zu machen, bildet sie die brachiale Gewalt der heutigen ab. Sie setzt da an, wo die vorgefundene Welt aufhört. Vielleicht liegt dort die Hoffnung? Ich freue mich sehr, dass es diese Zeitschrift gibt. Sie kann die luftige Dehnung dieser Texte einfangen, sammeln, diese miteinander in Beziehung setzen. So kommen Texte in Kontakt, die sich womöglich nie getroffen hätten. Dabei sind sie sich ja ähnlich, irgendwie. Ich danke allen Autor*innen für die Perspektive ihrer Figuren und Ichs, die mich schmunzeln, stutzig, denkend machten. Ich habe gerne gelesen und verfolgt, was sich meinem Mund bisher entzogen hat. Ich freue mich auf Weiteres.

Soweit.