Nachwort                                                                                                                                                            – von Jagoda Marinić

Das ist nicht irgendeine Zeit. Es ist die Zeit des pandemischen Stillstands. Wer jetzt zu schreiben wagt, tritt mehr denn je in die Ungewissheit. Kaum jemand, der schreibt, der nicht während des Lockdowns gefragt hätte: Und, wie viele Schreibprojekte wolltet ihr so verwirklichen, während ihr nun doch einfach nur nutzlos die Tage absitzt? Obwohl mehr Zeit war, weniger rastloses Tätig sein, blieb weniger Kraft. Als hätte sich durch den Stillstand der Außenwelt, die Bewegung im Inneren mit zur Ruhe gesetzt.

       Kreativität scheint eine Kraft zu sein, die Stille nur dann liebt, wenn sie ein Ort ist, an dem sich Schreibende dem Lärm zu entziehen. Der verordnete Stillstand der Welt scheint für viele hingegen nicht die Welterfahrung zu sein, die das Schreiben nährt. Umso beeindruckender die Texte in diesen Band, die dem inneren und äußeren Stillstand trotzen.

       Can you point to darkness? lese ich an einer Stelle und weiß: das literarische Du lebt, das Zwiegespräch, der Versuch, „zu“ jemandem zu sprechen, gleich, was ist. Ob es ein „mit“ jemandem sprechen wird, weiß niemand, wenn er den Mut hat, ehrlich „Ich“ zu sagen – und das tun diese Texte.

       Ich lese in dieser Ausgabe vom Lieben, in seiner Zartheit und Wut, auch hier ist er wieder, Der Junge, der nicht erwachsen werden will, und eine Frau, die um seine Schwächen weiß, doch das Fenster nachts nicht schließen kann; manchmal ist eben diese Unfähigkeit, den Verstand entscheiden zu lassen, wann ein Fenster zu schließen ist, entscheidender für das „leben“ als vieles, was man dafür hält.

       Nach Wochen und Monaten, in denen die Prosa der Virolog*innen entscheidender war als die Prosa der Schriftsteller*innen und die Poesie der Dichter*innen lesen sich viele Zeilen und Verse in diesem Buch wie leiser Widerstand gegen die Verdumpfung in dieser verängstigten Zeit. Zeilen, in denen dieses Flirren unter dem Mond wichtig ist, mindestens so wichtig, wie die allabendlichen Brennpunkte über die Lage der pandemischen Nation.

       Ich stolpere bei Lesen der Ausgabe in ein Theaterstück, als hätte jemand mir ein Fenster offen gelassen, wider alle Vernunft. Ich bin in Thüringen, in Apolda, ich verstehe, eine Welt ohne Würste, das geht auch für Veganer nicht. Dabei denke ich an den alten italienischen Gastronomen in der Altstadt, der mir vor Jahren bei einem Mittagessen erzählte, er habe während seiner Ausbildung gesehen, wie man Würste herstelle und sich seither geschworen, nie selbst Würste herzustellen und vor allem: Würste nicht zu essen. Daran hielt ich mich seither auch. Gerade die Würste haben nun die Veganer wieder hergestellt. Das Absurde ist nicht totzukriegen.

      Immer wieder lese ich, auf unterschiedliche Weise, von der Verdunkelung der Erde. Vom Ich und Du - als wäre die Sehnsucht nach Nähe eine Überraschung in diesen Zeiten, weil ich während des wochenlangen Stillstands mehr über wütende Verzweiflung als intime Sehnsucht gelesen habe. Es gibt eine Szene in dieser Ausgabe, die, obgleich völlig anders konstruiert, als Kommentar in diese Zeit passt. In einer Geschichte hängen Zeitungsartikel an den Wänden, ein Satz brennt sich in meine Augen: DIE ANDEREN VERANTWORTLICH FÜR DIE DUNKELHEIT. Solche Sätze fallen anders in dieses verunsichernde Grundgefühl der letzten Monate, in der das Eigene so fremd wurde, aber verantwortlich dafür sind doch irgendwie DIE ANDEREN. Wer war es eigentlich? Wer hat das alles angerichtet?

       Während die Literaturstadt Heidelberg die Türen der Veranstaltungsorte schließen musste, die Treffen ausblieben, das Vorlesen, das Zuhören nur hinter Glasscheiben stattfand, die diese Computer und Live-Streams doch auch sind, saßen die Literat*innen dieser Ausgabe vor Worten und fanden zu Geschichten und Gedichten, zu etwas, das nun diese 5. Ausgabe mit Leben und Literatur füllt. 

       Ich habe das Nach-Wort und bin sehr beeindruckt von allen, die Wort vor mir hatten. Wer in dieser Dunkelheit, für die (vielleicht?) Andere verantwortlich sind, in seine kreativen Ichs gehen konnte und Worte ans Licht brachte, die nicht nur ein Spiegel dieser Jetztzeit sind, hat für einen Moment vergessen gemacht, wie sehr wir darauf warten, dass die Welt um uns herum sich anfühlt wie immer. Nun ja, vielleicht nicht wie immer, aber doch wie ein Ort, an dem man furchtlos den Anderen berühren kann.

 

Jagoda Marinić

 

N.B. Alle kursiven Sätze und Worte sind Textstellen aus der 5. Ausgabe