Nachwort
– von Jutta Wagner (DAI Heidelberg)

Was für eine Freude, dieses Nachwort zu schreiben! Denn: die Bibliothek des DAI ein Wochenende lang der Schreibwerkstatt mit Ulf Stolterfoht zu widmen, war eine Freude, und die Texte, die dabei „auf die Welt gekommen“ sind, nun schwarz auf weiß gedruckt und auf dem Weg zu den LeserInnen zu sehen, ist eine noch größere.

Daher soll an erster Stelle stehen: Herzlichen Glückwunsch an klischée zu dieser Ausgabe! Eine Literaturzeitschrift zu gründen ist ein mutiges und ein entschiedenes Unterfangen. Sie im dritten Jahr zu führen und mit jeder Ausgabe ein wenig üppiger werden zu lassen, eine Leistung. Schließlich mit einem der besten deutschsprachigen Dichter eine Schreibwerkstatt zu verwirklichen, die zu einem Sonderdruck führt, ein die HerausgeberInnen krönender Erfolg.

Diese Zeit ist keine leichte für das literarische Schreiben und für SchriftstellerInnen. Auch nicht für das Lesen, nicht einmal in den Schulen. Zu groß ist oft die Ungeduld, die innere Unruhe; zu vielgesichtig sind die Ablenkungen, um sich dem Lesen, dem Schreiben zu widmen. Umso wichtiger, umso schöner ist dann das „jetzt gerade!“, das dem Entschluss, diese Schreibwerkstatt anzubieten, voran ging.

Eine Schreibwerkstatt fordert von den TeilnehmerInnen ganz Unterschiedliches: Konzentration auf wenige Zeilen Text. Geduld, sich dem Gedicht immer wieder neu auszusetzen, unbeirrt den noch treffenderen Ausdruck zu suchen und das noch überzeugendere Bild. Bereitschaft, sich mit der eigenen Sprache und damit auch mit der ganzen Persönlichkeit einer Gruppe von erst einmal Unbekannten zu zeigen – offenzulegen vielmehr. Wie vieles Sprache enthüllt, wie sehr Sprache Intimität erschafft und wie vieles sie lebendig, fruchtbar werden lässt, spürt man in diesem aufs Wesentliche reduzierten Kontext besonders. Was noch dazugehört: Schweigen können. Hartnäckigkeit. Disziplin. (Die Ulf Stolterfoht übrigens wichtiger ist als Inspiration, wie wir erfuhren.) Fast erscheint eine Schreibwerkstatt als Gegenwelt zu dem Lauten, Antreibenden, Holzschnittartigen, das in vielen Bereichen unserer Gesellschaft
sehr präsent ist.

Während ich dies schreibe, läuft in den USA die Stimmenauszählung der Präsidentschaftswahl. Ausufernde Meinungsbekundungen sind zu hören, ausufernde Sprache. Ein Satz von Amos Oz aus seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1992) kommt mir in den Sinn: dass Schriftsteller mit der Fähigkeit ausgestattet seien, „als Rauchmelder, vielleicht sogar als Feuerwehr der Sprache zu dienen“ – welch ein Kommentar, gerade auch zu unserer Zeit. Die Literatur geht jedem Wort auf dem Grund; mehr noch: sie übernimmt Verantwortung für jedes einzelne geäußerte Wort. Vielleicht hat die Lyrik in ihrer destillierenden Arbeit das schärfste Ohr dafür: jeder entfernten Wortverwandtschaft geht sie nach, dem feinsten Nachklang lauscht sie aufmerksam. Die Überzeugungskraft der Literatur entsteht aus dem Hinhören, aus dem genauen Setzen der Wörter. Nie würde die Literatur Wörter „mir nichts, dir nichts“ in die Welt entlassen. Sie verpflichtet sich der Integrität. Ihre Wirkung, ihre Nachhaltigkeit auch über Jahrtausende, entfaltet sich aus ihrer Differenziertheit und Kompetenz - deswegen ist gute Literatur nicht manipulativ. Und vielleicht ist ihre großartigste Wirkung die durch Schönheit: durch die Schönheit eines Satzes, die dem Leser ein Glücksgefühlbeschert, das nicht wieder versiegt. Die Überraschung durch ein neues Bild, einen nie gehörten Vergleich, die den eigenen Horizont wieder etwas weitet und das eigene Leben mit ins Spiel bringt.

All dies war wunderbar in der Schreibwerkstatt um Ulf Stolterfoht zu erleben: eine Gruppe, die sich mit ganzem Herzen der Lyrik verschrieben hat und dafür
ein ganzes Wochenende ihrer „Freizeit“ eingebracht hat. Bei einigen kurzen Besuchen war ich fasziniert von einer fast magischen Atmosphäre der Konzentration und der Hingabe, von der Freude am Gestalten und am Weiterentwickeln. Dichter und Lernende haben sich in einen gemeinsamen inneren Raum begeben, der eine tiefe Begegnung ermöglicht hat. Sie waren getragen von ihrer Begeisterung für die Literatur, von der Freude am gemeinsamen geistigen Arbeiten, ihrer Freude an der Phantasie. Bei der öffentlichen Lesung der entstandenen Texte war der Geist dieser Begegnungen ebenso wie ein gereiftes literarisches Selbstbewusstsein spürbar.

Ausgesprochen gern hat das Literarische Zentrum des DAI Heidelberg die Schreibwerkstatt mit Ulf Stolterfoht mit ermöglicht und begleitet. Die Lust an der Literatur zu nähren, literarisches Schaffen zu unterstützen, Menschen in ihrem Engagement für die Literatur zusammenzubringen, das sind unsere liebsten Anliegen. Damit bin ich zurückgelangt zum Anfangswort dieses kurzen Grußes: Es war uns eine Freude!